Das Steinschneiden

Hieronymus Bosch (1460-1516)

Prado Madrid (Photographie Giraudon, Paris)

Von der Erfahrung des griechischen Arztes Claudius Galenos (129-199), dass die Öffnung des Gehirns nicht immer den Tod zur Folge habe, leitet sich auch die Idee ab, dass der "böse Stein der Fallsucht" herausoperierbar sei. Doch schon um 900 prangerte der persische Arzt Rhazes dies an:

"Einige der Wunderheiler behaupten, die Fallsucht zu heilen und machen eine kreuzförmige Öffnung am Hinterkopf und geben an, etwas herauszunehmen, was sie vorher in der Hand gehalten hatten...!"

Bis in das 18. Jahrhundert hinein gab es diese "Bruch- und Steinschneider" aus der Bader- und Barbiergilde, die als fahrende Heilkundige durch die Lande zogen und durch Quacksalberei, schwarze Magie und Suggestionskraft viel Geld am Aberglauben, oft aber auch an der Angst der Betroffenen verdienten.

Hieronymus Bosch verspottet Unwissenheit und Betrug an den Kranken in seinem Bild "Das Steinschneiden", das er um 1485 malte:

Offensichtlich hat sich der korpulente Bürger von der Nonne und dem Mönch animieren lassen, sich dem Steinschneider anzuvertrauen. Dieser ist durch den umgekehrten Weisheitstrichter, den er als Kopfbedeckung benützt, als Narrenarzt charakterisiert; die Nonne macht vom Buch der medizinischen Wissenschaft den gleichen unsinnigen Gebrauch: Hiernomyus Bosch: Das Steinschneiden.Statt dass die "Heiler" die Erkenntnisse und Empfehlungen, die im Lehrbuch aufgeführt sind, anwenden, wird letzteres völlig zweckentfremdet eingesetzt.

Der Maler prangert aber hellsichtig an, wohin solche Methoden der Scharlatanerie und Ausbeutung führen können: im Hintergrund sind Galgen, Rad und Scheiterhaufen sichtbar. Das Bild ist als rundes Tableau gemalt, dessen Form zu jener Zeit die abgerundete Welt im Einklang zwischen Mensch und Kosmos darstellen sollte. Dass Bosch gerade diese Form wählt, um dann eine Anklage gegen die Verbohrtheit der Menschen vorzubringen, ist wohl beabsichtigt, und oft in seinem Werk zu finden.

Bemerkenswert ist, dass der Quacksalber - entgegen dem Bild-Titel - nicht einen Stein, sondern eine Pflanze ("Gewächs") als Fallsucht-Ursache aus dem Kopf des Kranken "herausoperiert". Ein bereits entferntes ähnliches Objekt (oder liegt es schon zum nächsten Täuschungsmanöver bereit?) ist auf dem Tisch sichtbar. Sind dem Operateur die Steine ausgegangen? Oder wird hier eine besonders schwere Epilepsieform mit komplizierter Ursache "behandelt"?

Der umrahmende Text des Bildes lautet: "Meester snyt die Keye ras - myne name is lubbert das" (Meister, schneid' die Steine raus - mein Name ist lubbert das" [d.h. entmannter Dachs, Ausdruck für einen einfachen Mann] ) und soll wohl die törichte Nichtigkeit aller weltlichen Heilkunst anprangern.


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