Lord Byron

* 22. Januar 1788 London     + 19. April 1824 Mesolongion (Griechenland)

"Man erwäge doch", schreibt Nietzsche in seinem Aphorismus "Selbstflucht", " ...dass vier von den Tatendurstigsten aller Zeiten Epileptiker gewesen sind (nämlich Alexander, Cäsar, Mohammed und Napoleon), so wie auch Byron diesem Leiden unterworfen war."

War Lord Byron tatsächlich epilepsiekrank? Durchforscht man - um die Meinung Nietzsches beweisen oder wiederlegen zu können - die Lebensbeschreibungen über den größten englischen Romantik-Dichter, so stößt man vereinzelt auf Textstellen, die an epileptische Anfälle denken lassen: Im Alter von 16 Jahren, als Byron erfuhr, dass das von ihm geliebte Mädchen sich zu vermählen gedenke, "fiel er heftigen Krämpfen zur Beute". "Ich war dem Ersticken nahe", bemerkt der Dichter selbst dazu. Bei der Schilderung dieses Geschehnisses ist man fast zwangsläufig versucht, an psychogene Anfälle zu denken - zumal, wenn man sich die sensible, emotional sehr labile und neurotische Persönlichkeitsstruktur des Dichters vor Augen hält.

Anders verhält es sich mit dem anfallsverdächtigen Ereignis, das aus den letzten Lebenswochen des Dichters berichtet wird. William Parry, einer der Begleiter Byrons auf seiner Reise in die griechische Stadt Mesolongion (dorthin war der begeisterte Philhellene Byron geeilt, um persönlich am Freiheitskampf der Griechen gegen die Türken teilzunehmen), beschreibt, wie Byron nach Genuss von Kognak-Punsch und Apfelwein plötzlich taumelte und zu Boden sank. "In der nächsten Minute waren seine Zähne zusammengebissen, Sprache und Sinne vergangen, und er bekam heftige Krämpfe... Sein Gesicht [war] sehr verzerrt und nach einer Seite verzogen". Vorberg kommentiert hierzu: "Ob der epileptische Anfall schon ein Vorläufer der schweren Hirnerkrankung war, bezweifle ich, ich führe ihn eher auf den reichlichen Alkoholgenuss zurück. Bei Byron machten sich seit Mitte Februar 1824 deutliche Zeichen der sogenannten Malaria-Kachexie bemerkbar; reizbare Stimmung, Kopfschmerzen, Schwindel, Gedächtnisschwäche ... Fieber-Anfälle... [Es] entwickelte sich eine Meningo-Encephalitis durch eine Überschwemmung der Hirngefäße mit Malariaplasmodien. Es kommt zu Zerfallsvorgängen in den Rindenzellen". Bei diesem letzten anfallsverdächtigen Ereignis könnte es sich nun tatsächlich um einen "echten" epileptischen Anfall gehandelt haben, möglicherweise um einen Gelegenheitsanfall - sei es im Zusammenhang mit dem reichlich genossenen Alkohol bei gleichzeitiger hochgradiger körperlicher Erschöpfung, sei es im Rahmen einer beginnenden meningo-encephalitischen Infektion, die zwei Monate später (wie autoptisch gesichert wurde) den Tod Byrons herbeiführte.

Unter Berücksichtigung der Textstellen, die sich mit "epilepsieähnlichen Symptomen" bei Byron beschäftigen, muss zur Zeit die Frage, ob der Dichter an einer chronischen Epilepsie gelitten habe, wohl verneint werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass es bei Byron gelegentlich zu psychogenen Anfällen und psychischen Ausnahmezuständen gekommen ist und dass er gut zwei Monate vor seinem Tod einen epileptischen Gelegenheitsanfall erlitten hat, bleibt davon unberührt.

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Deutsches Epilepsiemuseum Kork - Museum für Epilepsie und Geschichte der Epilepsie